Mir wurde ganz mulmig bei dem Gedanken , sie hätten mein Mißfallen bemerkt . Schmerzliche Erinnerungen waren mir noch im Gedächtnis .
Einmal hatte mir ein Libanese , der kurz zuvor von zwei Eingeborenen gedemütigt worden war , in seinem Frust die Schulter ausgerenkt . Ein anderes Mal hatte ich durch unvorsichtige Blicke das Agressionsprogramm eine echten Piraten ausgelöst , worauf dieser mir Prügel anbot und behauptete : „ Wo andere das Gehirn haben , da habe ich eine Eisenkugel ! ‘’ Ich glaubte ihm , beschwor mich , nur keine Angst zu zeigen , statt dessen sophisticated zu lächeln wie Hump Bogart und beulte mit der rechten Hand die Manteltasche aus , als wolle ich , im Falle eines Anschlags , augenblicklich den 45iger ziehen . Käpten Flinn beruhigte sich . Heute es war ein herrlicher Tag um die 18 Grad C , am Wochenende hatten wir sogar noch am Lagerfeuer gegrillt , suchte ich mir einen bequemen Platz weiter vorn , einen Vierersitz ,wo ich die Beine ausstrecken konnte . Ich war froh , als die Getuschten die Bahn an der übernächsten Station verließen . Ich entspannte und gab mich meiner Lieblingsbeschäftigung hin : Ich blickte nach draußen ins scheinbar Leere , begann zu träumen und ließ die Gedanken schweifen , während meine Ohren wie Parabolantennen ausgerichtet waren . Meine Andacht wurde von jugendlichen Hühnerdieben unterbrochen , die von ihrem letzten Gefängnisaufenthalt prahlten . Ein typischer Jungknacki , mit Pennerkissen und Spinnenschnäutzer , erwähnte nicht ohne Stolz , er müsse nun auch bald einfahren . In Bielefeld habe er mit ein paar Kollegen einen Juwelier gemolken und dabei Goldringe , Ketten , und einen Batzen Bargeld erbeutet . „ Dafür fickt Euch der Richter richtig durch ! `` , prophezeite einer der Knastveteranen . Die Kids unterhalten sich immer frei von der Leber weg , als seien sie in ihrer Stammdisco . Mit Pipsstimme behauptete ein Mädchen , es sei doch viel besser im Kahn als auf der Straße , da kümmere man sich wenigstens um sie , könne eine Lehre machen und käme doch eigentlich nur da wirklich zur Ruhe . Der öffentliche Nahverkehr im Ruhrgebiet ist ganz passabel . Durch die Straßen der Stadt führen nur noch zwei Bahnlinien von ehemals vieren, an die ich mich erinnern kann . Ich habe immer in der Nähe einer dieser Hauptschlagadern gewohnt . An vielen Stationen der Linie 301 verknüpfen sich Bilder im Geiste zu Ketten von Momentaufnahmen, die den Lauf der Zeit dokumentarisch festhalten . Die Pommesbude , wo die Inhaber sich das alte Bratöl in die Haare rieben , ist längst verdrängt von einem Olymposgrill und einem Dönermann . In der Einzelhandelsfiliale befindet sich jetzt ein Yigit-Market . Ihm gegenüber und nebenan sind drei Spielhallen entstanden , Herberge und Obdach der zwanghaften Verlierer. Die halblegale Kullerbude weiter die Straße rauf ist endgültig dicht , der letzte Spieler wohl abgekocht , aber die Bar mit der sexy Leuchtreklame ist nicht tot zu kriegen . In der glücklichen Lage , mir kein Auto leisten zu können , wurde ich zum Vielfahrer . Ist die Bahn nur mäßig gefüllt , findet man sich meist in gemütlicher Atmosphäre und lernt viel über seine Zeitgenossen .Der Kontakt zu den Mitmenschen ist in so einer Bahn weitaus inniger als im übrigen Straßenverkehr,wo die Nah - und Einzelkämpfer sich alltäglich ihre Gefechte liefern . Man gute oder flüchtige Bekannte , Kumpel , die man lange nicht gesehen hat , auch einige, die man eigentlich gar nicht mehr sehen will , tauscht Erinnerungen aus, erfährt Neuigkeiten , Fakten und Tratsch. Viele verschiedene Sprachen hört man hier . Seit der Sendung mit der Maus , ist es eines meiner Spiele zu erraten , aus welchen Land die Mitfahrer stammen . Sie unterhalten sich landesunüblich laut und ungezwungen ; sie können ja davon ausgehen , nicht verstanden zu werden . Diesem Zungenreden zu lauschen , versetzt mich in andere Welten . Wer muß da noch in fremde Länder reisen ? Bei einigen Sprachen ist es schwierig , einzelne Silben zu unterscheiden . Zum Beispiel bei afrikanischen oder auch indischen Dialekten . Ich höre dann ganz besonders intensiv hin . Vielleicht gelingt es mir eines Tages ein paar Brocken aufzuschnappen . Arabische Sprachen faszinieren mich durch ihre Kehlkopfknackslaute . Ich kann mich dann kaum beherrschen , sie an Ort und Stelle nachzuahmen . Ich hasse mit Schülerhorden vollgestopfte Straßenbahnen . Dann muß man auf der Hut sein . Von allen Seiten drohen Rucksäcke und Ellenbogen in gefährlicher Höhe . Die allgemeine Unruhe führt zu Adrenalinstürzen . Mit der Beschaulichkeit ist es dann vorbei . Die Kids scheuen in ihrer Dreistigkeit keinen Körperkontakt , ob sie dir nun auf die Füße treten oder sich fast auf deinen Schoß setzen . Sie verstreuen ihre stinkenden Pommesschalen und ihre Coladosen in der Bahn , gröhlen wie besoffen irgendeinen Mist . Also meide ich den öffentlichen Nahverkehr , wenn er zum Schulweg wird . In diesen Zeiten gehe ich lieber zu Fuß oder erschleiche mir die Beförderung , wenn es pressiert . Ich bin natürlich nicht so ungeschickt , einfach nicht zu bezahlen . In der Tasche halte ich immer eine Vierfahrtenkarte bereit und bleibe in der Nähe eines Entwerters . Kontrolleure erkennt man schon aus der Ferne . Sie stehen zu dritt oder zu viert an den Haltestellen . Durchschnittliche Typen , in durchschnittlicher Kleidung , mit durchschnittlichen Steingesichtern ohne Taschen oder Gepäck .Sie verteilen sich beim Halt auf die Türen und spähen nach Kundschaft , bevor sie sich beim Anfahren zu erkennen geben: „ Fahrausweiskontrolle ! Darf ich bitte ihre Fahrscheine sehen ? `` - Dann plötzlich am Busbahnhof sah ich sie . Wie konnte das sein ? Um diese Zeit ? Richtig es war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien , der Unterricht schloß früher . Panik ergriff mich . Der Verstand setzte auf Flucht , aber ich zögerte zu lange . Sie enterten bereits die Bahn . Auf der Hatz nach den begehrten Sitzen , rissen die vordersten einen Rentner zu Boden , vier etwa 14 Jahre alte Chaoten stürmten auf meine Sitzgruppe zu . Ich machte mich so breit wie möglich , fuhr die Ellenbogen aus und erwartete die ersten Stöße . Im letzten Moment drehten sie ab. „ Los , kommt ! Da hinten der Vierer ist noch frei . Schnell , bevor die fette Sau ( eine etwas übergewichtige Dame mittleren Alters ) sich breit macht ! `` schrie einer und sie polterten weiter . Gerade als die Frau sich den Mantel glattstrich , um Platz zu nehmen , flutschten die vier in die Sitze . Kommentarlos sah sich die Dame nach einem anderen Platz um . Drei etwas zivilisiertere Kids nahmen nun die Plätze um mich ein. Ich war so herrlich in Abwehrstimmung daß ich meine finsterste Maske aufsetzte und die drei individuell fixierte . Meine Ausstrahlung deutete ihnen an : „ Wenn ihr nervt , geht es Euch schlecht ! Capice ! `` Sie verstanden . Es wurde laut und stickig in der Bahn , doch die unmittelbare Gefahr schien gebannt. Hinten in der Bahn unterhielten die vier Deppen die anderen Fahrgäste auf ihre besonders sympathische Art . Sie erzählten sich unüberhörbar laut versaute Witze oder schrien quer durch die Bahn Vulgäres wie : „ Guck mal da , die ficken , die schwulen Schweine ! `` Sie fingen an sich zu balgen wie Straßenköter und machten sich breit und breiter . Außer ihnen sprach keiner auch nur ein Wort . Einige Männer schauten , wie ich , ab und zu grimmig in ihre Richtung , keiner von ihnen wollte aber für Ordnung sorgen . Ich natürlich auch nicht , obwohl es in mir brodelte und ich mich in Gewaltphantasien badete . Ich versuchte mir Toleranz einzureden . `Waren wir nicht genauso ? Ich nicht ! Auf einmal traf mich etwas am Hinterkopf . Nicht hart , aber demütigend . Ich spürte wie ich rot anlief , mußte tief durchatmen , um mich zu beherrschen . Verdammt , was war das und wo kam es her ? Hinter mir stand ein Bengel . Hatte mich die Lasche seines Rucksacks erwischt ? Ich drehte mich um und sah ihm bohrend in die Augen . Er zog sich ins Schneckenhäuschen zurück . Nein , er hatte nichts damit zu tun , sah eher schüchtern aus und hätte sich bestimmt entschuldigt . Ich forschte weiter , sah in die Gesichter mehrerer Fahrgäste . Sie schienen eine Reaktion von mir zu erwarten . Was sollte ich tun ? Für mehr als vernichtende Blicke gab es kein Ziel . Noch wußte ich nicht wo das Wurfgeschoß herkam . Nur nicht durchdrehen . Ich suchte nach einem lockeren Spruch , fand aber keinen und wollte mich auch nicht unbedingt lächerlich machen . In meiner Erregung hätte ich nur gestammelt . Ich sah wieder nach vorn und versuchte den Vorfall zu verdrängen . Eigentlich war ja nichts passiert . Wozu die Aufregung ? Ich entrückte in meine Gedankenwelt , sicher , das Beste aus der Situation zu machen , noch eine angenehme Fahrt genießen zu können . „ Jetzt reicht es aber ! Hört sofort damit auf , Papier zu werfen ! ``Die energische Stimme einer jungen Mutter holte mich in die Realität zurück .Ich drehte mich um und sah wie etwas Geknülltes schwungvoll in einem Kinderwagen verschwand .Papierkugeln .Sie hatten mit Papierkugeln geworfen . Ich blickte den Knaben haßerfüllt ins Gesicht . „ Papier ? Hier schmeißt niemand mit Papier . Sie spinnen wohl `` erdreistete sich einer von ihnen zu antworten . „ Werd auch noch frech , Du ! , erwiderte die Frau hilflos . „ Werden Sie bloß nicht frech `` ,stellte das Männlein klar , dann knisterte die Stille . Hätte nur einer der anwesenden Männer eine Regung gezeigt , die Flegel aus der Bahn zu werfen , ich hätte sofort mit Vergnügen mitgemischt . Die Papierkugeln flogen jetzt nur noch vereinzelt , keiner wehrte sich mehr dagegen . Jeder hoffte , daß die Bengels bald aussteigen würden . Peinliche Beklommenheit regierte die Stimmung in der Bahn . Von hinten drang albernes Gekichere durch das Schweigen . Wir näherten uns der Endstation . Zwei meiner speziellen Freunde hatten unter lautem Hallo die Bahn in der Innenstadt verlassen , verfolgt von den erleichterten Blicken der anderenFahrgäste . - Endstation Hauptbahnhof . Ich erhob mich , um auszusteigen . Da sah ich die übrigen beiden vor der Türe stehen . Mir kam eine Idee . Ich erinnerte mich an Magritte . Als die Tür sich öffnete , stand ich auch schon hinter dem einen . Im Gedränge trat ich ihm , wie ich meinte , nicht allzu kraftvoll , zwischen den Beinen zweier Aussteiger hindurch in den Arsch . Er stolperte auf den Bahnsteig , drehte sich sofort um , rieb sich das Hinterteil , sah mich aufgeschreckt an und haspelte gänzlich in Verstörung aufgelöst : „ Warum haben sie mich eben getreten ? `` Die Baseballkappe lustig auf dem Kopf verdreht , sah er nun eher traurig drein . „ Wie meinen ? `` entgeistert aber freundlich blickte ich ihm in die Augen . Innerlich lachte der Schelm . Er war so groß wie ich , vielleicht etwas größer , sein Selbstbewußtsein wuchs beeindruckend . Sein Kumpel grinste so breit wie hoch , genötigt dämlich . Er hielt das alles für einen neuen Gag seines Spezis und war nicht sicher was nun passieren würde . Mein Blick wurde eindringlicher , bestimmter . „ Hör mal zu El Nino ! Ich darf dich doch El Nino nennen ? Dich hat niemand getreten .`` Er protestierte , lamentierte , hielt sich sein Hinterteil . War das die Geburtsstunde einer aufrechten Träne , da an seinem linken Augenlid ? Ich machte auf dem Absatz kehrt , ließ ihn stehen in seiner Wut . Würde er es wagen , mich hinterrücks anzugreifen ? Immerhin gab er mir noch ein „ Verfluchtes Arschloch hinterher . Als ich mich daraufhin noch einmal beunruhigt umdrehte , waren er und sein Esel schon auf dem weg zur Krippe . El Nino gestikulierte und schimpfte vor sich hin . zinni Scroll Area Content End